Detlef Schweiger. Crossover IV

Detlef Schweiger: Crossover IV Lavur-Malerei

Detlef Schweiger
Kirsten Schwarz, Detlef Schweiger, Helga Kellner

Wir laden Sie herzlich ein zur Ausstellung
Detlef Schweiger: Crossover IV Lavur-Malerei

28. Juni bis 29. August 2026

Mit der Ausstellung Crossover IV präsentiert die Art Galerie eine konzentrierte Übersicht über das aktuelle Werk von Detlef Schweiger. Im Zentrum stehen die charakteristischen Tusche-Lavuren, die das Spektrum seiner bisherigen künstlerischen Praxis erweitern.
Schweiger hat sich auf die anspruchsvolle Technik der Lavur spezialisiert – ein Verfahren, bei dem stark verdünnte Tusche in wässrigen Schichten aufgetragen wird. In seiner Maltechnik wird die schwarze Tusche in sehr dünnflüssiger Konsistenz mit dem Pinsel in die wässrigen Bildelemente eingebracht und in einem zeitaufwendigen Prozess zu komplexen Strukturen geformt. Anders als in der klassischen Aquarell- oder Tuschemalerei vermeidet er gezielt das Ineinanderlaufen der Formen. Stattdessen entstehen klar abgegrenzte, sich überlagernde Elemente, die miteinander korrespondieren, ohne sich vollständig zu überdecken.
Seine Lavuren sind das Ergebnis eines langen künstlerischen Entwicklungsprozesses. Über Jahre hinweg hat Schweiger seine Technik verfeinert und zu einer eigenständigen Bildsprache geführt. Während frühe Arbeiten noch durch materialbetonte Ansätze geprägt waren, zeichnen sich die aktuellen Werke durch Transparenz, Leichtigkeit und eine präzise gesteuerte Bildorganisation aus. Die Überlagerungen der einzelnen Bildelemente erzeugen eine visuelle Tiefe, die zwischen Fläche und Illusion oszilliert und den Arbeiten eine besondere Brillanz verleiht.

Detlef Schweiger Lavur-Malerei Raum 1


Die Entscheidung für Schwarz-Weiß ist dabei zentral. Farbe als psychophysischer Reiz tritt zugunsten einer konzentrierten Wahrnehmung von Struktur, Rhythmus und Form zurück. Die Arbeiten fordern eine aktive Betrachtung: Aus der Distanz entfalten sie ihre räumliche Wirkung, aus der Nähe offenbaren sich feine Differenzierungen der einzelnen Tuschestrukturen und deren subtile Übergänge.

Detlef Schweiger Lavur-Malerei Raum 2


Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit einem Vorwort von Holger Wendland. Zudem wird eine Vorzugsausgabe mit einem Original-Lineament-Holzschnitt von Detlef Schweiger und Kay Busch (Auflage: 66 Exemplare) angeboten.
Die Ausstellung lädt dazu ein, Kunst als offenen Wahrnehmungsprozess zu begreifen – als ein Wechselspiel zwischen künstlerischer Setzung und individueller Imagination.

Detlef Schweiger Lavur-Malerei Raum 3

Detlef Schweiger Biografie

Detlef Schweiger (*1958, Düsseldorf) zählt zu den profilierten deutschen Crossover-Künstlern der Gegenwart. Nach Kindheit und Jugend in Dresden studierte er von 1979 bis 1984 Kunsterziehung, Gestaltungstheorie, Malerei und Grafik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 1986 lebt und arbeitet er als freischaffender Künstler im Künstlerhaus Dresden-Loschwitz.

Detlef Schweiger Lavur-Malerei Raum 4 im Flur

Schweigers Werk verbindet Malerei, Grafik, Installation, Lichtkunst, Klang, Video und Performance zu einer interdisziplinären Bildsprache. International bekannt wurde er insbesondere durch seine hochkomplexen Tusche-Lavuren sowie Lichtinstallationen aus recycelten CDs und DVDs, die mit Reflexion, Transparenz und räumlicher Wahrnehmung arbeiten. Seit 1986 leitet er das Klang-Video-Performance-Kollektiv SARDH, seit 2000 ist er künstlerischer Leiter des intermedialen Festivals Morphonic Lab in Dresden. Zu seinen prägenden Projekten zählt zudem die multimediale Installation The Wall Inside Berlin (1990).

Detlef Schweiger Lavur-Malerei Raum 5

Seine Arbeiten wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen im In- und Ausland präsentiert und befinden sich in öffentlichen wie privaten Sammlungen. Für sein künstlerisches Schaffen erhielt Schweiger 2015 den Dresdner Kunst- und Wissenschaftspreis. Darüber hinaus engagierte er sich über viele Jahre in Jurys und Gremien des Künstlerbundes Dresden, der Stiftung Kunstfonds Bonn sowie der Stiftung Sozialwerk VG Bild-Kunst und prägte damit auch die Entwicklung der zeitgenössischen Kunst in Sachsen nachhaltig.

Detlef Schweiger Lavur-Malerei Raum 6 (Schaufenster)

Detlef Schweiger: Crossover IV – Lavur Malerei
28. Juni bis 29. August 2026
Vernissage: Sonntag 28. Juni 2026, um 11.00 Uhr
Zur Eröffnung sprach Kirsten Schwarz M.A.

Detlev Schweiger

Präzision und Offenheit – zwei Begriffe, die sowohl die Tusch-Malerei im Allgemeinen, aber besonders auch die Tusch-Lavuren von Detlev Schweiger umschreiben.

Präzision in der Technik, im Umgang mit der Tusche, in den klar strukturierten Kompositionen aus Formen und Strukturen.
Offenheit in den entstandenen Bild-Räumen, in der Tiefe, die sie vermitteln, in den Assoziationen, die sie hervorrufen.

Detlev Schweiger fordert die Tusche heraus. Seit fünf Jahren entstehen in einem aufwendigen und langwierigen Schaffensprozess Bilder aus Tusche, die so bisher kaum möglich waren. Lavieren ist eine Technik innerhalb der Tusch-Malerei, es bedeutet Nass-in-Nass malen und mit wässriger Tusche zu arbeiten. Ideal ist dies für verschwommene Blicke in weite Landschaften. Man lässt die Farbe dabei fliessen, lässt sie ihren Weg gehen, arbeitet das Entstandene später nach, verfeinert und konkretisiert. Die fliessende Tusche wird für Schattierungen, Lichteffekte und plastische Tiefe genutzt.

Wie aber packt man das transparente Erscheinungsbild der Tusche, ihr Fließen und ihr unkontrolliertes sich-Ausbreiten in eine klar definierte Form?
Wie genau der Prozess abläuft, verrät der Künstler nicht, erfreut sich aber in einem Interview am Begriff ‚Fleckendompteur‘ – ‚Ich habe die Tusche gebändigt‘, sagt er nicht ohne Stolz.

Man weiss: er arbeitet mit dem Tuschpinsel auf einer speziell grundierten Leinwand. Die Tusche reibt er selbst, sie muss, Zitat: ‚feinverläufig’ sein, es dürfen keinerlei Flecken nach der Verdünnung der Tusche zu sehen sein. Nur so kann sie sich ‚steuern lassen‘, wie Detlev Schweiger sagt. Die Meister der SUMI-E Kunst, der japanischen Tuschmalerei, sprechen sogar von einem meditativen Vorgang beim Aufreiben der Tusche: ‚Das Reiben der Tusche dient dazu den Geist zu beruhigen’, erklärt ein SUMI-E-Meister.

Vielleicht war es das tiefe Eindringen in eine jahrhundertealte Kunstform, mit all ihren Ritualen und Ausformungen, die Detlev Schweiger zu seiner außergewöhnlichen Technik verhalf. Ausprobieren, experimentieren, reflektieren – ein festes Ziel haben, einen Weg sehen. Die Erscheinungsfarbe ist ihm dabei sehr wichtig, ein echt schwarzes Schwarz will er erreichen, denn Tusche ist oft braunstichig. Also müssen andere Pigmente mit eingebracht werden, dunkle Blautöne etwa lassen das Schwarz kalt und tief erscheinen.

Letztendlich entstehen aus dem schwärzesten Schwarz jedoch wunderbar durchscheinende Formen von bestechender Klarheit. Luzidität, ein Begriff aus der Medizin, beschreibt die Klarheit des Bewusstseins und den Grad der Wachheit. Diese Klarheit macht die Bilder aus, die Strenge der einzelnen Form, bei wundersam schwebender Anmutung. Durch den tiefschwarzen oder reinweissen Hintergrund erreichen die transparenten Formen Präsenz und räumliche Tiefe. Klar voneinander abgegrenzt, aber als Gebilde miteinander verbunden, vermitteln sie ein Davor und Dahinter, aber kein Dazwischen.

Es sind hybride Bilder im Sinne von gebündelt, gekreuzt und vermischt. Dabei wirken die Formen so leicht in ihrer Transparenz und dabei kompakt wie dünne Edelstein-Scheiben. In anderen Werken aber steht das schwärzeste Schwarz als Gegenpol, das in der Farbmetrik als Vergleichsfarbe zu hellen Tönen steht. Schwarz als opake, unförmige Undurchdringlichkeit, dem die transluzenten, leichten Formen entgegenstehen. Alles Transparente in der Natur erscheint uns wunderlich und faszinierend, obwohl doch alles offen vor uns liegt. Ist dieses Mysterium ein Widerspruch? Wir kennen die Welt meist als feste Stofflichkeit, die mehr verbirgt, als offenbart und so stößt jede Qualle im Meer, jeder Tiefseefisch oder Kristall auf unsere tiefe Bewunderung und spricht unser Inneres an.
Die Kompositionen, die die scheibenartigen Formen bilden, sind durchdacht und kopieren perspektivische Anordnungen der klassischen Kunst. Wie entsteht Raum im Bild?

Wie Tiefe und Unendlichkeit? Durch Überlagerung, Größenunterschiede und Farbintensität. Auf dieser einfachen Klaviatur der Möglichkeiten spielt Detlev Schweiger virtuos. Mittels der Transparenz und feinster Farbnuancen des Schwarz und der vielen Graustufen entstehen wunderbar konstruierte Gefüge, die uns in die Tiefe leiten.

Manchmal korrespondieren die Formen aber auch ohne sich zu überlagern. Streng aufgereiht bilden sie Typologien. Wie neu entdeckte Amöbenarten werden sie in gleichmäßigen Reihen stolz präsentiert – jeder Fleck ein Unikat.

Aber auch Assoziationen lassen die Bilder zu: Röntgenaufnahmen, Skelette, Gesteinsstrukturen, Blätter, Knochenscheiben, Insektenpanzer oder Tiefsee-Wesen. Im Tusche-Universum Detlev Schweigers wird mit Formen gespielt und experimentiert. Darauf verweisen auch die kryptisch erscheinenden Titel, die bei näherer Betrachtung Wortspiele und poetische Abkürzungen sind, die sehr viel über die Kompositionen verraten.

Invas: die Invasion einzelner Formen von einer Formation in eine andere.
Horiz : ein hoher Horizont vermittelt Bildtiefe, das Verdunkeln der Farbe nach hinten entspricht der Farbperspektive des Meeres.
Perspek: Die Perspektiv-Lehre und ihre Prinzipien werden ausgelotet, Tiefenwirkung kann die Kunst von Detlev Schweiger auch ohne klare Raumaufteilung schaffen.

Dramat oder: die Dramaturgie des Bildaufbaus.
So führt das Spiel mit Wahrnehmungen in den abstrakten Schichtungen zu einem ganz neuem Raum-Empfinden in den Bildern Schweigers.

Ganz anders wirken die Lineament-Drucke und Zeichnungen Schweigers. Es sind klar voneinander abgegrenzte, gleichmäßige Linien-Gebilde. Aufeinander aufbauend bilden sie an Topografien oder tektonische Aufschiebungen erinnernde Formationen. Keine Linie überkreuzt die andere, so entsteht die Tiefenwirkung in einigen Linament-Bildern nur durch die Größenverschiebung der Räume zwischen den Linien. Wie gestaffelt wiederholen sich die Linienschwünge wie abstrahierte, farblose Gesteinsschichten, deren Fokus allein auf ihrem Aufbau liegt. Vorsprünge, Risse, Wölbungen und kompakte Felsmassive scheinen aus den Linien zu erwachsen.

Detlev Schweiger lässt aus einfachen Formen und Linien ästhetische Raumgefüge entstehen, die mal schwebend, mal massiv, dem Betrachter viel Spielraum lassen, aber zugleich einen höchst ästhetischen Genuss ermöglichen. Klare, manifeste Formen im freien Spiel ihrer gestalterischen Möglichkeiten und in immer neuen Zusammenstellungen bringen Ruhe in die Bilder. Ihre sorgfältige Ausführung beruhigt den Geist und weitet ihn zugleich angesichts der Bewegungen, die entstehen, wenn man die Bilder auf sich wirken lässt.

Die expressive, japanische Tuschmalerei zeichnet sich durch einige Aspekte aus, die erstaunlich ähnlich sind den Eindrücken, die man in Detlev Schweigers Kunst erhält.

Sie zeigt nicht die reale Welt, sondern ist eine Wiedergabe der Wahrnehmung der Welt.
Die Formen der realen Welt werden in verdichteter Form wiedergegeben.
Sie zeigt Wesentliches ohne konkret zu werden.

Detlef Schweiger zeigt das Wesentliche so eindrücklich, dass es fast keiner realen Welt mehr bedarf.

Kirsten Schwarz M.A.